Es ist ein Sonntagnachmittag im späten August, und hier in der Ostengasse ist es so still, dass ich das leise Plätschern des Steinbrunnens unten im Hinterhof hören kann. Vor mir auf dem Küchentisch liegt mein Leinen-Heft, daneben die schiefe Lavendelvase, die ich letzte Woche am Neupfarrplatz erstanden habe. Zum ersten Mal seit über zwei Jahrzehnten spüre ich diesen bleiernen Druck nicht mehr, der früher immer gegen drei Uhr nachmittags einsetzte — die Vorahnung auf die Montagsstunden, die Korrekturen und das laute Gewusel im Pausenhof.
Ein kleiner Hinweis für dich: In meinen Sonntagsnotizen finden sich manchmal Links zu dem Buch oder zu Impulsen, die mir persönlich in dieser neuen Lebensphase geholfen haben. Das sind Affiliate-Links. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine Provision — dein Preis ändert sich dadurch natürlich nicht. Ich schreibe hier nur über Dinge, die ich selbst in meinem Heft durchgerechnet und für gut befunden habe. Meine ausführliche Offenlegung findest du unten verlinkt.
Der soziale Schallschatten nach dem Lehrerzimmer
Dreiundzwanzig Jahre lang war mein gesamtes soziales Leben mit der Clermont-Ferrand-Schule verwoben. Wenn ich jemanden traf, war es eine Kollegin in der Pausenküche beim Wasserkocher oder eine Mutter beim Elternabend. Mein Identitätskern war untrennbar mit der Rolle als „Frau Haselbeck“ verbunden. Als ich im Januar 2024 meine Altersteilzeit antrat und meine Stunden auf zwölf Wochenstunden reduzierte, entstand plötzlich ein Vakuum. Dienstags und Donnerstags bin ich noch Lehrerin, aber an den anderen Tagen? Da bin ich einfach nur eine Frau, die in der Altstadt wohnt.
Dieser Übergang war nicht einfach. Ende November letzten Jahres, als die Tage kürzer wurden, merkte ich, wie sehr mir die feste Struktur fehlte. Ohne die täglichen Dienstbesprechungen und den Austausch über die Klasse 3b fühlte ich mich fast unsichtbar. In der Altersteilzeit zu sein bedeutet eben auch, dass man nicht mehr ganz dazugehört, aber auch noch nicht ganz weg ist. Man sitzt in einem sozialen Zwischenraum.
Das Ritual mit dem Zahlen-Code am Küchentisch
Im Juni 2024 schenkte mir eine alte Studienfreundin aus Augsburg das Buch über den Zahlen-Code von Rosina Kaiser. Sie meinte, es sei „etwas Kleines für den Sonntag“. Seitdem sitze ich jeden Sonntagnachmittag hier, trinke meinen Fencheltee und arbeite mit den Zahlen. Es ist kein Hexenwerk und auch keine große Esoterik. Es ist eher wie ein stilles Ordnen meiner Gedanken, fast so, wie ich früher die Jahresplaner für meine Klassen sortiert habe.
Ich berechne meine Tageszahl und schaue, welche Schwingung die kommende Woche begleiten könnte. Das hilft mir, den Fokus wegzulenken von der Schule und hin zu mir selbst. Es ist ein Anker geworden, der mir zeigt, dass es eine Welt außerhalb des Lehrplans gibt. Wer sich in einer ähnlichen Übergangsphase befindet, findet vielleicht auch Trost in solchen kleinen Ritualen, wie ich es in meinem Beitrag über Fencheltee und Heilzahlen beschrieben habe. Es geht darum, sich selbst wieder zu spüren, ohne die Verantwortung für dreißig Kinder im Nacken.
Ich nutze dafür am liebsten das Buch Zahlen-Code [Mein Sonntagsbegleiter]. Es ist unaufgeregt und passt perfekt zu meinem Leinen-Heft. Ich habe es inzwischen schon in drei Kopien an Freunde verschenkt, die vor ähnlichen Umbrüchen stehen. Es ersetzt natürlich keine Therapie — das ist mir wichtig zu sagen, gerade wenn man wie ich aus einer Burnout-Phase kommt —, aber es ist ein wunderbares Werkzeug für die Seele. Bei gesundheitlichen Fragen sollte man immer den Hausarzt oder eine Beratungsstelle aufsuchen.
Ein missglückter Erklärungsversuch beim Bäcker Prantl
Nicht jeder versteht diesen neuen Weg. In einem kühlen Frühjahrsmoment traf ich eine ehemalige Kollegin in der Schlange beim Bäcker Prantl. Sie fragte mich, wie es mir ginge, und ich versuchte, ihr etwas von der Ruhe zu erzählen, die ich durch die Arbeit mit der Tageszahl gefunden hatte. Es war ein Fehler. Sie sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis an, murmelte etwas von „naja, wenn es dir hilft“ und wandte sich schnell ihren Semmeln zu.
Ich spürte, wie die alte Unsicherheit in mir hochstieg, dieser „Kloß im Hals“, den ich früher vor jedem schwierigen Elterngespräch hatte. Ich verließ den Laden hastig. Dieser Moment zeigte mir, dass ich versuchte, meine neue Welt mit den Werkzeugen der alten Welt zu erklären. Aber das funktioniert nicht. Manchmal muss man die alten Kreise verlassen, um wirklich neu anzukommen. Diese Identitätskrise im Ruhestand ist real, und sie braucht Zeit.
Neue Wege am Neupfarrplatz
Echte Veränderung passierte erst, als ich anfing, die Zahlen nicht mehr nur als Theorie zu sehen, sondern als Einladung zur Offenheit. An einem Donnerstag im Juli — ich hatte gerade meine zwölf Stunden für die Woche hinter mir — schlenderte ich über den Bauernmarkt am Neupfarrplatz. Ich hatte an diesem Morgen über meine Lebenszahl nachgedacht, die viel mit Kommunikation und Begegnung zu tun hat, aber auf eine sanfte, nicht-pflichtbewusste Weise.
An einem Stand mit Kräutern kam ich mit einer Frau ins Gespräch. Wir sprachen nicht über Berufe oder die Schule. Wir sprachen über die Trockenheit des Sommers und wie man Lavendel am besten schneidet. In diesem Moment merkte ich, wie der „Kloß im Hals“ einer warmen Neugier wich. Ich war nicht „Frau Haselbeck, die Lehrerin“, sondern einfach Kerstin, die sich für Pflanzen interessiert. Solche Kontakte sind flüchtig, aber sie sind echt. Sie basieren nicht auf einer gemeinsamen Dienstordnung, sondern auf dem Moment.
Ich lerne langsam, dass soziale Kontakte im Ruhestand (oder in der Altersteilzeit) eine andere Qualität haben. Sie sind weniger laut als im Lehrerzimmer, aber sie fühlen sich freier an. Manchmal zeigt mir die Tageszahl in meinem Heft auch gar nichts Besonderes an, oder ich überspringe eine Woche, weil mein Kopf zu voll ist. Das ist in Ordnung. Es gibt keinen Lehrplan mehr, den ich erfüllen muss.
Die Stille der Zahlen als Brücke
Wenn ich heute auf die dreiundzwanzig Jahre zurückblicke, bin ich dankbar für die Zeit an der Clermont-Ferrand-Schule. Aber ich bin noch dankbarer für die Stille, die jetzt in mein Leben getreten ist. Mein altes Ringbuch mit den Zeichnungen der Klasse 3b von 2019 steht noch im Regal, aber ich schaue seltener hinein. Die Zukunft liegt eher in den leeren Seiten meines Leinen-Hefts, die ich Sonntag für Sonntag fülle.
Falls du auch das Gefühl hast, dass dein soziales Umfeld zu eng mit deinem Beruf verwoben war, kann ich dir nur raten: Such dir einen Anker, der nichts mit deiner Leistung zu tun hat. Für mich war es der Zahlen-Code. Es gibt auch technischere Ansätze wie Software-Lösungen, etwa MeineRadionik, was eine ehemalige Kollegin von mir nutzt, aber für mich bleibt das haptische Arbeiten mit dem Buch und dem Stift am Küchentisch das Richtige. Es ist mein Weg, die Welt jenseits der Schulklingel neu zu entdecken.
Es ist jetzt fast vier Uhr. Die Sonne wirft lange Schatten über die Dächer der Altstadt und erreicht langsam den Dom. Ich werde jetzt mein Heft schließen und noch eine Runde an der Donau spazieren gehen. Vielleicht treffe ich jemanden, vielleicht auch nicht. Beides ist heute eine gute Antwort.