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Fencheltee und Heilzahlen: Wie kleine Rituale mir in der Altersteilzeit helfen

Fencheltee und Heilzahlen: Wie kleine Rituale mir in der Altersteilzeit helfen

Dampf steigt aus meiner Tasse auf und für einen kurzen Augenblick beschlagen meine Brillengläser, als ich mich über das aufgeschlagene Leinen-Heft beuge. Es riecht nach Fenchel, ein erdiger, warmer Duft, der so gar nichts mit dem harten Kaffeearoma der Lehrerinnen-Pausenküche in der Clermont-Ferrand-Schule zu tun hat. Unten im Hinterhof plätschert der kleine Steinbrunnen ganz gleichmäßig, und für einen Moment ist es in meiner Küche in der Ostengasse so still, dass ich das Kratzen meiner Feder auf dem Papier hören kann.

Es ist Sonntag, kurz nach drei. Früher war das die Zeit, in der ich die Korrekturstapel der Klasse 3b sortierte oder den Wochenplan für den Montag vorbereitete. Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich unter derselben Schulhausleitung gearbeitet, achtundzwanzig Pflichtstunden Woche für Woche, immer mit dem Blick auf die Uhr und dem Klingeln im Ohr. Heute liegen hier keine unfertigen Aufsätze über den Herbst, sondern nur mein Notizbuch und die Zahlenreihen, die mir helfen sollen, den Rhythmus meines neuen Lebens zu finden.

Der lange Weg von achtundzwanzig zu zwölf Stunden

Als ich im Januar 2024 meinen Antrag auf Altersteilzeit stellte, fühlte es sich nicht wie ein Sieg an, sondern wie ein Rückzug. Mein Körper hatte schon zwei Jahre lang Signale gesendet: Schlaflosigkeit, ein Kloß im Hals vor jedem Elternabend und dieses Herzrasen morgens vor sechs, noch bevor der Wecker überhaupt klingelte. Ich war eine Lehrerin, die ihre Kinder liebte, aber die grüne Wandtafel mit dem abgegriffenen Lappen und der ewige Lärm im Pausenhof waren mir fremd geworden. Heute unterrichte ich nur noch zwölf Wochenstunden, meistens Dienstag und Donnerstag Vormittag, Fächer wie Kunst oder Ethik, die leiser sind.

Nahaufnahme eines Notizbuchs mit handgeschriebenen Zahlenreihen und einer Tasse Tee auf einem Holztisch.

Doch die Ruhe kam nicht automatisch mit der Reduzierung der Stunden. Die Angst, etwas zu übersehen oder nicht genug zu leisten, saß tief in meinen Knochen. Es war wie ein Phantomschmerz. Im Juni 2024, als ich gerade anfing, mich in der neuen Freiheit in Regensburg zu verlieren, drückte mir eine alte Studienfreundin aus Augsburg das Buch von Rosina Kaiser über den Zahlen-Code in die Hand. 'Irgendwas Kleines für den Sonntag', sagte sie, 'nichts Großspuriges'.

Das Ritual am Küchentisch: Sieben Ziffern und eine Tasse Tee

Zuerst war ich skeptisch. Als Grundschullehrerin habe ich einen natürlichen Respekt vor Worten und Zahlen, aber ich bin weder Esoterikerin noch Heilpraktikerin. Ich bin eine Frau mit einem weichen Bauch, die gerne über den Bauernmarkt am Neupfarrplatz spaziert und in deren Regal noch immer ein altes Ringbuch mit Kinderzeichnungen von 2019 steht. Aber der Zahlen-Code bot mir etwas, das ich schmerzlich vermisst hatte: eine Struktur, die keine Leistung verlangt.

Jeden Sonntagnachmittag setze ich mich nun hin. Ich wähle eine Tageszahl oder eine Sequenz aus sieben Ziffern, die mich durch die kommende Woche begleiten soll. Ich schreibe sie langsam auf, fast so, wie ich es meinen Erstklässlern damals beigebracht habe – vorsichtig, Buchstabe für Buchstabe, Ziffer für Ziffer. Es geht nicht darum, dass die Zahlen eine magische Wirkung haben, die alle Probleme löst. Es ist die Handlung an sich, das bewusste Verweilen bei einer Zahl, die mir hilft, den Fokus von der äußeren Hektik nach innen zu lenken.

Ich erinnere mich an einen Sonntag im letzten November, als der Nebel so dicht über der Donau hing, dass man die Steinerne Brücke kaum sehen konnte. Ich fühlte mich leer und schwer. Ich schlug das Buch auf, suchte mir eine Zahlenfolge und schrieb sie einfach nur auf. In dieser Woche passierte kein Wunder, aber ich merkte, wie ich beim Bäcker Prantl in der Schlange stand und nicht wie sonst nervös auf die Uhr sah. Ich war einfach da. Vor Kurzem habe ich auch darüber geschrieben, wie man innere Unruhe am Abend lindern kann, indem man diese Momente der Ruhe fest im Wochenplan verankert.

Wenn Heilzahlen zum neuen Leistungsdruck werden

Es gibt jedoch eine Falle, in die ich am Anfang fast getappt wäre. Als ehemalige Lehrerin neigt man dazu, alles perfekt machen zu wollen. Ich wollte jedes Mal die 'richtige' Zahl finden, wollte sofort spüren, wie die Energie fließt, und war enttäuscht, wenn am Dienstag trotzdem wieder die alte Unruhe hochkam. Die ständige Anwendung von Heilzahlen kann, wenn man nicht aufpasst, einen unbewussten Leistungsdruck erzeugen. Man versucht, die Entschleunigung zu erzwingen, und blockiert sie dadurch paradoxerweise erst recht.

Blick aus einem Regensburger Altbaufenster auf einen ruhigen Hinterhof mit Steinbrunnen.

Es gab Wochen, in denen ich das Leinen-Heft gar nicht erst aufgeschlagen habe. Einmal, es war um die Osterzeit 2026, fühlte ich mich so getrieben von Terminen für die Altersteilzeit-Verwaltung, dass mir der Gedanke an die Zahlen wie eine weitere Hausaufgabe vorkam. Ich habe gelernt, dass es okay ist, das Ritual ausfallen zu lassen. Die Zahlen sind ein Angebot, kein Lehrplan. Ich bin keine spirituelle Lehrerin und gebe keine medizinischen Ratschläge – ich bin eine Frau, die lernt, dass Heilung Zeit braucht. Bitte besprecht gesundheitliche Beschwerden, gerade nach einem Burnout, immer mit eurem Hausarzt oder einer qualifizierten Beratungsstelle. Ich bin natürlich keine Medizinerin, nur eine Beobachterin meines eigenen Lebens.

In diesen Momenten des Innehaltens helfen mir die Zahlen dabei, meine persönliche Jahreszahl zu deuten, um die neue Balance zwischen den Anforderungen der Schule und meinem Bedürfnis nach Rückzug besser zu verstehen. Es ist ein langsames Herantasten, wie ein Kind, das zum ersten Mal mit Wasserfarben malt und staunt, wie sich die Farben auf dem nassen Papier verteilen.

Das leise Herzklopfen am Dienstagmorgen

Ein besonderer Moment der Klarheit kam an einem Dienstagvormittag in diesem Sommer. Ich war gerade auf dem Weg zur Schule, die Tasche mit dem Bastelfilz über der Schulter, als ich plötzlich stehen blieb. Ich merkte, dass mein Herz ganz ruhig schlug. Kein Rasen, kein Engegefühl in der Brust. Es war einfach nur ein normaler Dienstagmorgen in Regensburg, die Sonne warf lange Schatten über den Domplatz, und ich fühlte mich bereit für meine zwei Stunden Unterricht.

In meinem Heft stehen oft Notizen am Rand. 'Zahl heute nicht gespürt', steht da manchmal, oder 'Fencheltee war zu heiß'. Das gehört dazu. Der Zahlen-Code ist für mich wie die schiefe Lavendelvase auf meinem Tisch: nicht perfekt, ein bisschen eigenwillig, aber sie erinnert mich daran, dass Schönheit oft in den kleinen, unscheinbaren Dingen liegt. Wenn ich heute durch die Ostengasse gehe, vorbei an den alten Häusern bis hinunter zum Donau-Ufer, dann weiß ich, dass ich nicht mehr Frau Haselbeck sein muss, die alles im Griff hat. Ich darf einfach Kerstin sein, die ihre sieben Ziffern schreibt und den Sonntagabend genießt, ohne Angst vor dem Montag.

Vielleicht ist das das größte Geschenk der Altersteilzeit – nicht die freien Stunden an sich, sondern der Raum, den sie schaffen für Dinge, die eigentlich keine Funktion haben müssen. Ein Leinen-Heft, ein Fenchel, eine Zahlenfolge. Es reicht völlig aus, wenn es sich für eine halbe Stunde am Sonntagnachmittag einfach nur richtig anfühlt.

Wichtig: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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