
An einem Sonntagnachmittag blicke ich aus meinem Fenster in der Ostengasse auf den kleinen Steinbrunnen im Hinterhof. Das Wasser plätschert stetig, ein Geräusch, das ich früher im Lärm des Pausenhofs der Clermont-Ferrand-Schule oft herbeigesehnt habe. Heute spüre ich zum ersten Mal seit Jahren keinen Zeitdruck mehr, wenn die Schatten der Häuserwände langsam über das Kopfsteinpflaster kriechen. Mein Fencheltee dampft in der Tasse, und vor mir liegt das abgegriffene Leinen-Heft, das zu meinem treuen Begleiter geworden ist.
Ein Rückblick auf dreiundzwanzig Jahre an der grünen Wandtafel
Dreiundzwanzig Jahre lang war mein Leben getaktet durch das Schrillen der Schulglocke und den Geruch von nasser Kreide auf dem abgegriffenen Lappen. Als Klassenlehrerin, meistens in der dritten oder vierten Jahrgangsstufe, gab es keinen Moment des Innehaltens. Das schleichende Burnout-Syndrom kündigte sich nicht mit einem Knall an, sondern durch ein leises, beharrliches Herzrasen morgens vor sechs, lange bevor der Wecker klingelte. Es war ein Gefühl, als würde mein Brustkorb zu eng für die Verantwortung, die ich für jedes einzelne Kind der Klasse 3b empfand.
Ich erinnere mich an einen Donnerstag im Mai, Jahre bevor ich die Notbremse zog. Die Geburtstagskarten im Klassenzimmer hingen schief, der Stoffbeutel mit dem Bastelfilz lag ungeöffnet in der Ecke, und ich starrte auf den Jahresplaner mit den zweiundzwanzig Ferientagen, die sich wie eine unerreichbare Insel anfühlten. Damals verstand ich nicht, warum ich mich so aufrieb, während andere Kolleginnen scheinbar mühelos durch den Lärm navigierten. Ich funktionierte einfach weiter, bis der Kloß im Hals vor jedem Elternabend unerträglich wurde.

Die Entdeckung der Lebenszahl als stiller Spiegel
Kurz vor Beginn der bayerischen Sommerferien saß ich wieder an diesem Tisch, das Rosina Kaiser Buch neben mir. Eine alte Studienfreundin aus Augsburg hatte es mir im Juni 2024 zugesteckt – etwas Kleines für den Sonntag, wie sie sagte. Ich begann, meine persönliche Lebenszahl zu berechnen. Es ist eine einfache Rechnung: Man addiert alle Ziffern des Geburtsdatums, bis eine einstellige Quersumme zwischen eins und neun übrig bleibt. Bei mir ergab die Numerologie meines Geburtsdatums schließlich die Neun.
Diese Zahl steht oft für Menschen, die eine tiefe soziale Verantwortung spüren, die das Ganze im Blick haben und sich oft für das Wohl anderer aufopfern. Als ich das las, vermischte sich der Geruch von heißem Fencheltee mit dem Staub des alten Ringbuchs mit Kinderzeichnungen von 2019, das noch immer im Regal steht. Es war eine Erkenntnis, die mich tief traf. Ich verstand plötzlich, dass mein Burnout nicht nur an den äußeren Umständen lag, sondern an einer inneren Struktur, die keine Grenzen kannte. Ich hatte versucht, für alle die Welt zu retten, ohne zu merken, dass mein eigener Akku längst leer war.
In dieser Phase habe ich viel über das Thema die Lebenszahl verstehen lernen für einen sanften Übergang in die Altersteilzeit nachgedacht. Es ging nicht darum, eine magische Lösung zu finden, sondern zu begreifen, warum ich so reagierte, wie ich reagierte. Wenn der Körper mit Symptomen wie Herzrasen antwortet, ist das oft ein Signal, das wir jahrelang überhört haben. Ich bin natürlich keine Ärztin oder Psychotherapeutin, und bei echtem Erschöpfungszustand ist der Gang zum Hausarzt oder zur Beratungsstelle der Krankenkasse unumgänglich. Aber für mich war die Zahl ein Werkzeug zur Selbstreflexion am Sonntagnachmittag.
Die Erkenntnis über das Harmoniestreben
An einem regnerischen Sonntagnachmittag im März vertiefte ich mich in die Analyse der Schattenseiten meiner Lebenszahl. Ich erkannte mein extremes Harmoniestreben, das mich im Kollegium oft zwischen alle Stühle gesetzt hatte. Ich wollte es der Schulleitung recht machen, den Eltern und natürlich den Kindern. Dabei blieb ich selbst auf der Strecke. Es gab Momente, in denen ich das plötzliche Nachlassen der Anspannung im Nacken spürte, allein durch das Aussprechen dieser Wahrheit: Mein Pflichtbewusstsein als Kümmerer war ohne energetischen Schutz direkt in die Erschöpfung geflossen.
Interessanterweise gab es auch Wochen, in denen mir die Zahlen gar nichts sagten. Letzten Spätherbst zum Beispiel blieb das Leinen-Heft zwei Sonntage lang ungeöffnet. Ich saß lieber beim Bäcker Prantl und beobachtete die Leute, ohne nach Mustern zu suchen. Der Zahlen-Code ist kein Gesetzbuch. Er ist eher wie eine leise Melodie, die man hören kann, wenn man still genug ist. Manchmal zeigt eine Tageszahl keine Resonanz, und das ist völlig in Ordnung. Es bedeutet nur, dass man an diesem Tag vielleicht einfach nur atmen muss, ohne zu analysieren.

Die Gefahr des fatalistischen Identitätskorsetts
Doch hier liegt auch eine Falle, über die ich oft mit meiner Freundin aus Augsburg spreche. Es besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr mit seiner Lebenszahl identifiziert. Man sagt dann: "Ich bin eben eine Neun, ich kann nicht anders als mich aufzuopfern." Das wäre fatal. Die Identifikation mit einer Zahl kann das Burnout sogar verschlimmern, wenn man sie als Entschuldigung nutzt, statt als Ausgangspunkt für Veränderung. Man zwingt sich in ein neues Identitätskorsett, statt die nötige psychologische Flexibilität zu entwickeln.
Wahre Veränderung geschah für mich erst, als ich die Zahl als Lernaufgabe sah, nicht als festgeschriebenes Schicksal. Ich lernte, dass ich meine Neun auch leben kann, indem ich zwölf Wochenstunden unterrichte – Dienstag und Donnerstag Vormittag – und den Rest der Zeit für meine eigene Regeneration nutze. Die Altersteilzeit war kein Rückzug aus der Verantwortung, sondern die Übernahme von Verantwortung für mich selbst. Ich habe gelernt, innere Ruhe zu stärken durch mein Sonntagsjournal in der Regensburger Altstadt, ohne mich in spirituellen Überhöhungen zu verlieren.

Akzeptanz und der Weg in die Altersteilzeit
Nach etwa sechs Monaten regelmäßiger Aufzeichnungen blicke ich heute anders auf meine Zeit an der Clermont-Ferrand-Schule zurück. Die Schulleitung hat meinem Antrag auf Altersteilzeit zügig zugestimmt, und eine liebe Kollegin hat die Klasse 3b übernommen. Wenn ich heute durch die Ostengasse zum Neupfarrplatz gehe und mir eine schiefe Lavendelvase am Bauernmarkt kaufe, fühle ich mich nicht mehr schuldig, weil ich nicht mehr im Klassenzimmer stehe.
Die Analyse meiner Lebenszahl hat mir geholfen, die Ursachen meiner Erschöpfung zu sortieren. Es war eine Kombination aus einem fordernden Beruf und einer Persönlichkeitsstruktur, die keine Stopp-Taste kannte. Falls du dich in einer ähnlichen Situation befindest, kann ich dir nur raten: Schau genau hin, aber bleib beweglich. Die Zahlen sind Wegweiser, keine Mauern. Und wenn der Druck zu groß wird, such dir professionelle Hilfe bei Therapeuten oder Beratern. Ich für meinen Teil genieße jetzt meinen Fencheltee und das Wissen, dass morgen kein Wecker um sechs Uhr mein Herz zum Rasen bringen wird. Vielleicht schreibe ich später noch ein paar Zeilen in mein Heft, ganz ohne Druck, einfach nur für mich.